Die TrainerInnen
Qualitative Anforderungen an TrainerInnen
ZirkuspädagogInnen, die mit Menschen mit geistigen Behinderungen arbeiten, brauchen besondere Qualitäten – und haben im Sinne einer „umgekehrten Integration“ eine große Chance, diese Qualitäten mit und durch Menschen mit Handicaps zu entwickeln.
• Ihre Aufgabe ist es, einen offenen Blick für die Behinderungen der ArtistInnen zu haben. Man muß Handicaps wahrnehmen und erkennen, was daran artistisches Arbeiten erschwert - und die Trainingsmethodik so zu individualisieren, daß trotzdem eine erfolgreiche artistische Entwicklung möglich wird. Gleichzeitig muß man die Behinderung auch „übersehen“, um nicht von vornherein die Trainingsanforderungen herunter zu schrauben. Meist können Menschen mit Behinderungen viel mehr als zunächst möglich erscheint – ihre Behinderung beruht zu einem nicht zu unterschätzenden Anteil auf gesellschaftlichen Zuschreibungen und Definitionen ihrer Handicaps, die ihr So-Sein als Einschränkung beschreiben.
• Sie müssen die technischen Grundlagen der verschiedenen Zirkusdisziplinen sicher beherrschen UND spielerisch umsetzen können. TrainerInnen müssen ihren Unterricht kleinteilig aufbauen – in einer Balance von spielerischen Formen und präziser Körperarbeit. Sie müssen in der Lage sein, tricktechnische Bewegungen in ihre Einzelbestandteile zerlegen zu können. Dazu gehört ein möglichst genaues Wissen um die körperlichen Grundlagen für Bewegungsabläufe. Schon eine Vorwärtsrolle ist eine sehr komplex zusammengesetzte Bewegung, die in sich vielfältige choreographische Gestaltungsmöglichkeiten beinhaltet!
• Sie benötigen eine (pädagogische) Grundeinstellung, die jeden Menschen als originellen und unverwechselbaren Erfinder und Gestalter begreift und die jedem Individuum mit staunender Neugier und Respekt begegnet. PädagogInnen dürfen sich nicht auf angelernte Methoden zurückziehen, sondern müssen sich immer wieder am konkreten Mensch und der konkreten Situation orientieren.
Wenn TrainerInnen zukunftsorientiert auf die Potentiale der Menschen hin arbeiten, arbeiten sie an Grenzen von Persönlichkeiten und an dem Versuch, Grenzen zu überschreiten. Das verlangt Risikobereitschaft, Wille & Kraft für Entscheidungen und viel Geduld für intensive Auseinandersetzungen. Menschen mit geistigen Behinderungen spüren sehr genau, ob ihnen ein Mensch mit klaren Zielen gegenübertritt. Das artistischeTraining ist ein diffiziler Balance-Akt: TrainerInnen brauchen die Fähigkeit, fast bis zur Unerbittlichkeit konsequent zu sein und fordernd am Ball zu bleiben – und gleichzeitig aber auch einen genauen Blick dafür, wann die Übenden eine „Auszeit“ brauchen, weil sie mit ihrer Kraft den gestellten Herausforderungen momentan nicht gewachsen sind.

