Zur Pädagogik beim Circus Sonnenstich
Unsere Arbeit fängt mit einer Akzentverschiebung an. Wenn ich sage „Ein behinderter Mensch“, steht die Behinderung im Vordergrund. Anders herum kann man formulieren, dass wir es in unserem Zirkus mit Menschen zu tun haben, die partiell Handicaps aufweisen, aber – und das ist viel grundlegender - auch große Potentiale. Diese Potentiale begreifen wir als natürliche Basis und Ausgangspunkt unserer Arbeit. Wenn wir in unseren Trainings auf ein konkretes Handicap stoßen, und wenn dieses Handicap bestimmte Dinge beeinträchtigt, müssen wir Lösungen finden, damit unsere ArtistInnen Bewegungsanforderungen bewältigen können
Eine bewußt gesetzte Leistungsorientierung
Wir fordern Leistung. Auch wenn viele Menschen mit Down-Syndrom eine bewundernswerte Freude daran haben, mit den Zirkusgeräten immer wieder neu spielerisch umzugehen, auch wenn viele unserer ArtistInnen von sich aus (lange) im Stadium des Spiels bleiben würden.
In Abwandlung des klassischen sozialpädagogischen Ansatzes: Wir holen die Menschen auf ihre zukünftige Potentialität hin ab. Uns erscheint das Abfordern von Leistung besonders wichtig, weil Menschen mit geistiger Behinderung nach unserer Erfahrung in den vielen Lebensbereichen weit gehend unterfordert und so in ihrer Entwicklung behindert werden.
Wir arbeiten daher mit einem hohen artistischen Anspruch – und untersetzen unsere Arbeit pädagogisch. Wir versuchen, mit sogenannt „behinderten“ Menschen ganz „normal“ zu arbeiten.
Motivation aufbauen und Handlungsmotive erspüren
Oft genug passiert es in der pädagogischen Arbeit, dass Lehrer- oder TrainerInnen viele Dinge für Menschen mit Behinderung wollen. Das behindert diese aber in ihrer Entwicklung von Eigenverantwortung. Bei Sonnenstich werden die ArtistInnen Schritt für Schritt an die Verantwortung heran geführt, in der Zirkusgruppe ihre Ziele so weit es geht selbst definieren und darauf aufbauend zu entwickeln.
Jeder Mensch ist auf diesem Wege an einem anderen Punkt ‚ansprechbar‘. Manche fördert man, indem man sie an ihrem persönlichen Ehrgeiz packt, bei manchen blitzt unerwartet eine große Arbeitslust bei einem ganz speziellen Requisit auf (und geht dann wie eine Welle auf viele andere Bereiche über). Manche Menschen brauchen eine ganz bestimmte Zusammenstellung von Kleingruppen, um ihre Fähigkeiten entwickeln zu können. Einige brauchen lange ständig TrainerInnen in ihrer Nähe, andere lernen auf sich zurück gezogen. Manche Menschen gehen erst bei einer Disziplin in die Tiefe, andere stürzen sich gleich auf die ganze Vielfalt des Zirkus.
Von den TrainerInnen verlangt das eine große Achtsamkeit. Neue Entwicklungen sind anfangs oft sehr zart und fast unsichtbar. Um sie zu erspüren, braucht man feine Antennen – und die Fähigkeit, aus dem Moment heraus zu handeln und sowohl situativ passende Aufgabenstellungen zu erfinden, als auch diese mit kleinen Abwandlungen für jedes Individuum passgenau zuzuschneiden. Wenn dadurch eigenständige Impulsen der ArtistInnen entstehen, ist das der ideale Ansatzpunkt, um neue individuelle und guppenbezogene Stärken zu entwickeln.
Die drei Säulen des Trainings
Das Training bei Sonnenstich beruht als Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses auf 3 grundlegenden Säulen: Akrobatik, Tanz und Balance. Natürlich arbeiten wir auch intensiv an Disziplinen wie Jonglage und vor allem Diabolo, Trapez, Einrad, sowie in individuellen Einzelkursen auch an Gesang und Textentwicklung. Trotzdem haben wir diese Schwerpunktsetzung aus fachlichen Gründen etabliert:
- Akrobatik
Akrobatik ist DIE grundlegende Disziplin für unser Verständnis von Zirkustraining. Menschen mit geistigen Behinderungen haben eine zunächst wenig ausdifferenzierte Körperwahrnehmung und Vertrauen in die Fähigkeiten ihres Körpers. Sie sind in ihren Bewegungen oft auf sich selbst bezogen, der Blick auf den Rhythmus von Partnern oder der Gruppe fällt ihnen über längere Zeiträume schwer. Akrobatik beinhaltet neben Solobewegungen vielfältige Partner- und Gruppenübungen. Das erfordert ein Sich-Einfühlen in die Bedürfnisse von einem Gegenüber (Individuum und/oder Gruppe) und die Schulung von Verantwortungsgefühl. Gleichzeitig schult und erweitert akrobatisches Arbeiten aber auch eine intuitive und analytische Raumorientierung: Man erfährt seinen Körper kopfüber, in dynamischen Raum-Lage-Veränderungen und in Bezug auf sich ebenfalls in Bewegung befindliche Mit-ArtistInnen.
- Tanz und Bewegungstraining
Die tänzerische Bewegungsarbeit unterscheidet sich klar von akrobatischen Techniken, bei denen zunächst ganz präzise Grundtechniken (wie zum Beispiel bei Rolle, Kopfstand oder Handstand) erarbeitet werden müssen. Unser Tanztraining beruht auf der Arbeit mit den 4 Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. Natürlich gibt es auch im Tanz feste Strukturen und Prinzipien, aber das Training dazu ist viel mehr auf Improvisation ausgelegt und bildet so einen entspannenden und zugleich sehr spannenden Gegenpol zur artistischen Arbeit.
Das Tanztraining löst Bewegungsklischees, die gerade bei Menschen mit Behinderungen zu psychischen und physischen Blockaden führen können. Und durch andere Bewegungsanforderungen und Qualitäten können auch ArtistInnen Selbstbewußtsein tanken, denen artistische Techniken noch schwer fallen.
- Balance-Training
Die Arbeit an zirzensischen Balancetechniken ist aus mehreren Gesichtspunkten wichtig. Zum einen haben viele Menschen – gerade mit Down-Syndrom – Angst vor Höhe. Das Stelzenlaufen, das den Menschen in luftige Höhen befördert, kann daher zu ungewohnter Entspannung und neuen Stärken führen. Eine andere Beobachtung, die man bei Menschen mit geistigen Behinderungen machen kann, ist, dass sich ihre Körper oft versteifen, wenn sie in ungewohnte Raumlagen kommen oder einen unsicheren Untergrund spüren. Diese bewegungsbezogenen Blockaden bleiben oft jahrelang erhalten. Ein Zugang zu einer neuen Körperlichkeit kann daher ein grundlegendes Balancetraining sein. Die Arbeit mit RolaBolas und Laufkugeln setzt direkt an den Füßen an. Das ist nicht zu unterschätzen, da auf den Füßen der ganze Mensch ruht. Über eine Neuorganisation der Füße und einer Erkundung der Beweglichkeit der Gelenke von den Füßen bis zu den Schultern, sowie einer Wahrnehmungsschulung für das eigene Körperzentrum, entfalten Menschen eine Körperlichkeit, die dem Selbst-Bewußtsein eine Grund legende und ganz wörtliche Bedeutung „zurück schenkt"
Bewegungsanalyse
Komplexe artistische Bewegungsformen (wie ein Schulterstand in der Partnerakrobatik) erfordern eine Fähigkeit zur Bewegungsanalyse. Die dazu erforderliche Abstraktionsfähigkeit müssen TrainerInnen durch ihr didaktisches Konzept mit aufbauen. Über den „Erstzugang“ des bildhaften Arbeitens können Menschen mit geistigen Behinderungen ein erstaunlich genaues Körperbild aufbauen. Körperliche Bewegungsstrukturen sind gerade bei Menschen mit Down-Syndrom oft dauerhaft ‚besetzt‘. Feste Muster verhindern neue Körpererfahrungen. Poetische Bilder helfen Blockierungen aufzuweichen. In einem zweiten Schritt sind TrainerInnen ‚Bewegungs-Bildhauer‘. In vielen Bereichen, zum Beispiel bei akrobatischen Vorübungen oder auch auf der Laufkugel, arbeiten wir mit den oben genannten Körperbildern. Damit sich die Körper der Übenden nicht zu sehr verspannen, kann man Körperlinien mit seinen Händen nachzeichnen oder auch während der Übung Gelenke leicht massieren und auch die Schultern ausklopfen. Als TrainerIn kann man Übungen als modellierender Bildhauer oder auch mit der inneren Einstellung eines ‚Physiotherapeuten‘ begleiten. In einem dritten Schritt können die ArtistInnen dann sogar kurze kognitive Signale aufnehmen und dadurch ihre Körperorganisation während eines Partnerakrobatiktricks zu verändern.
Über das ‚Atomisieren‘ von komplexen Bewegungsformen
Die potentiellen Möglichkeiten der ArtistInnen führen zu einer zentralen Anforderung an die TrainerInnen. Man muß ein Übungsprogramm entwickeln, bei dem alle Tricks in Bewegungsatome zerlegt und dann in kleinen Schritten wieder neu als Moleküle und komplexe Strukturen zusammengesetzt werden können. Eine weitere Aufgabe ist es, fortgeschrittene Techniken vorzubereiten anhand spielerischer Aufgaben, die zu direkten Erfolgserlebnissen führen. Mit dem dabei neu gewonnenen Stolz und Mut wächst neues und stimmiges Selbst-Bewußtsein. In einem jahrelangen, kontinuierlichen und manchmal auch sprunghaften Prozeß werden für die ArtistInnen Entwicklungen möglich, die ihnen kein Mensch zugetraut hätte.
Das ‚Forschen‘ als originäre Aufgabe für ZirkuspädagogInnen
Die Arbeit mit den Sonnenstich-ArtistInnen ist ein Forschungsprojekt: Wie kommt ein Mensch zu technikspezifischen Bewegungen – und was macht die Herausforderung der jeweiligen Bewegungen konkret aus? Wie verstehen Menschen Bewegungsanforderungen, wie können TrainerInnen ihre ArtistInnen im Such- und Findungsprozeß von Bewegungsgestaltung begleiten – und wie können Menschen mit ihrer Bewegungsweise in einen Fluß kommen?
Menschen mit Handicaps sind für eine solche Forschungsarbeit das ideale Feld. Sie fordern von ihren TrainerInnen immer wieder Konkretion und innovatives Denken. Mit einem standardisierten Fachwissen kann man nur scheitern. Wenn man anfängt zu forschen, kann man die ungeheure Komplexität des menschlichen Körpers und des Zusammenspiels seines Bewegungsapparates begreifen lernen. Und das ist etwas ganz Großartiges. Man schläft nie ein – und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es ist sehr bereichernd, mit diesen besonderen Menschen Dinge so lange zu erforschen, bis ein Wunder passiert – und im Circus Sonnenstich passieren viele Wunder. In einem gemeinsamen Prozeß werden Grenzen überwunden. Emil Gött bezeichnet die Vermittlung von Grenzerfahrungen als Form der Erziehungskunst:
„Grenze ist nicht ein Ort, wo alles aufhört, sondern ein Weg in die Zukunft, wo man wachsen kann und darf.“
Indem die ArtistInnen mit ihren eigenen Grenzen konfrontiert werden, leuchtet die Zukunft in die Gegenwart hinein. Und dieses ‚Herein-Scheinen‘ unterstützt das Finden und Formulieren eigener Ziele der ArtistInnen, indem ihre Möglichkeitshorizonte erweitert werden.

