Fest der Sinne – Internationales Theaterfest für junge Menschen mit und ohne Behinderungen 2008 / Interview mit den Spielleitern vom Circus Sonnenstich

Frage: Steht in der Zirkusarbeit der künstlerische oder der pädagogische Aspekt im Mittelpunkt?

Michael Pigl-Andrees

„First be human, then the art follows.“ Zuerst kommt der Mensch und dann folgt die Kunst. Man muss sein Handwerk als Theater-, Zirkus- oder Tanzpädagoge sehr gut gelernt haben und „feingliedrig“ umsetzen können. Man hat es mit konkreten Menschen zu tun und muss mit ihnen kommunizieren. Ohne Kommunikation mit dem Menschen kann keine Kunst entstehen.

Alexander Frey

Andererseits sind unsere Aufführungen Kunst. Sie bestehen ohne einen Bonus, dass man sagen muss: „Ja, das ist ja toll, was im Rahmen der pädagogischen Arbeit entsteht!“ Es sind Programme, die für sich stehen und für sich sprechen.

Michael Pigl-Andrees

In einer dynamischen Balance von pädagogischen und künstlerischen Mitteln schaffen wir einen Raum, in dem Kunst aus sich heraus wirken kann. Eine Kunst, durch die unsere Artisten „wachsen“ und die beim Publikum Staunen hervor ruft und Poesie entfaltet.

Wie definiert ihr den Begriff „Kunst“?

Alexander Frey

Kunst ist Ideen in Formen zubringen und mit diesen Ideen und Formen andere anzuregen.

Michael Pigl-Andrees

Kunst meint unter anderem, immer wieder Bekanntes in Ungewöhnliches und Neues zu übersetzen und das von Menschen, die sich mit sich selber auseinandersetzen. Man kann die gleichen Dinge machen, wie andere Menschen auch, aber das „wie“ ist es, was es zu etwas Besonderem macht. Gerade mit Menschen mit Behinderungen ist es sehr spannend, das „wie“ herauszufinden. Natürlich können Menschen, die drei Mal die Woche Leistungssport trainieren einen Handstand perfekter, aber die Wege in den Handstand hinein und aus dem Handstand heraus und das Gefühl und die Emotionen, die dabei entstehen das ist für jeden Menschen unverwechselbar. Das gilt für Menschen mit Behinderungen genauso wie für Menschen ohne Behinderungen. Natürlich ist es wichtig als Leiter einer Gruppe das „Was“, also gerade auch die Techniken, die man benutzt, präzise zu arbeiten. Das muss man aber sehr fein ausbalancieren mit dem „Wie“, also der Gestaltung, dann kann es zur Kunst werden.